Poesie

Blutrotes Pergament.

© Nelli H.

© Nelli H.

Vor mir liegend, blutrotes Pergament.
Deine Schrift wohnt darin, hat sich fein säuberlich darauf niedergelassen.
Ich möchte meinen Blick abwenden, möchte die Botschaft nicht lesen. Meine Augen nach rechts lenkend, um die kahle Wand zu betrachten, festigt der Blick sich nicht. Möchte weiterwandern, so lange, bis das Rot sich in den Pupillen spiegelt.
So dunkelrot, wandern die Worte meine Arme hinauf, hinterlassen blutrote Spuren, hinauf, nisten sich in meinen Gedanken ein.
Die Hände, sie haben sich verselbstständigt, haben stoisch nach dem Pergament gegriffen und halten es fest, so fest, dass meine Fingerkuppen ganz weiß werden.
Das Pergament ist schwer, es brennt wie Feuer in meinen Händen.
Jedes Wort lässt einen Fluss von Erinnerungen aus meinen Augen weichen. Doch niemals, niemals mehr wollte ich in jenen schwimmen.

© Nelli H.

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Poesie

fall

ich sah dich
sah dich fallen
es war unaufhaltsam
nichts konnte sich dem entgegenstellen
zu sehr wolltest du es
denn du wolltest nicht kämpfen
dich nicht stellen
wolltest lieber deinen frieden
zumindest mit dir selbst
ich sehe ihn
den frieden
in deinen geweiteten pupillen
du scheinst es tatsächlich zu glauben
zu gerne würde ich dir das bild
das sich in meinen augen widerspiegelt
zeigen
es würde dir
die wahre wahrheit offenbaren
ungeschönt
unschön
doch du willst nicht
gibst dich der verzweiflung hin
noch immer sehe ich dich fallen
unaufhörlich nimmt es meine gedanken ein
denn jedes mal
wenn du fällst
falle auch ich

© Nelli H.

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Poesie

An dem Felsen deiner zarten Haut.

Wellen preschen an Felsen,
bleiben kleben, verändern sich nicht.
Werden starr‘.
Ängstlicher Atem durchzieht die Nacht.
Grad‘ noch gedacht, es sei fröhlicher Schein.
Konnte es nicht anders mehr sein.

Der Felsen, er fiel.
Zerschellte.
Einzelne Staubkörner fliegen.
Umher.
Ganz einsam.
Zu klein.
Ganz einsam.

Einmal zerbrochen.
Niemals vergessen.
Deine Geschichte.
Deine Poren.
Deine morgendliche Röte.
Dein Fingerwippen.
Dein herzliches Lachen.
Niemals vergessen.

Die Nacht zieht ihre Kreise,
schließt mich aus.
Schert mich fort.
Von Ort zu Ort schleppe ich
meine müden Glieder.
Zerbrochen an dem Felsen,
deiner zarten Haut.

© Nelli H.

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Poesie

| Eisallee. |

Es regnete Glasscherben,
sie zerschnitten, die Konturen,
Licht reflektiere die Schnittwunden.
Blutrot rann es herab.
Glanz ertränkte meinen Blick.
Einen Schritt vorwärts tretend, fühlte ich Wasser
durch den Stoff meiner Schuhe sickern.
Ein Schwall von Sorgen, sog mich hinab in die Tiefe.
Ertrank mein Wissen, meine Reue, meine Standhaftigkeit.
Hatte keinen Halt, er hatte sich im Dunst aufgelöst.
Bäume flogen kreuz und quer.
Häuser fielen um und streiften den Himmel.
Die Uhr der Zeit hatte sich verselbstständigt,
die Sanduhr wurde wieder voller, statt leerer.
Der Himmel tat sich auf, warf Menschen herab.
Meine Augen vor Angst geschlossen,
berührten mich die leichenblassen Gestalten.
Ein Schauer durchzog mich, ließ mich erkalten.
Reglos lagen sie um mich herum.
Wollte ihnen Leben einhauchen.
Sturm kam auf, verdunkelte die Umgebung,
es blitzte, donnerte.
Verzweiflung breitete sich wie eine Schneedecke
über dem Land aus.
Aus brauner Erde wurde kaltes Eis.
Meine Haut wurde nach und nach kalt,
wurde hart,
die Starre packte mich und ließ nicht wieder von mir ab.
Schneeflocken erschwerten meine Wimpern,
Luft bekam ich nicht.
Aus Verzweiflung wurde pure Angst.
Etwas regte sich.
Auf der Straßenseite gegenüber brannte eine Laterne.
Schwacher Schein erleuchtete das, was unter ihr war.
Eine Pistole, schwebend,
auf mich gerichtet.
Die Sekunden zogen sich wie Stunden.
War gefangen, die Kälte ummantelte, die Angst packte mich.
Der Lebenswille wuchs.
Ich würde warten bis das Eis schmolz.
Würde es schaffen.
Würde wieder Farbe in der Welt finden.
Würde die Leichen wieder leben sehen.
Meine Mundwinkel zogen sich nach oben,
ein Eiszapfen fiel.
Die Gleichgültigkeit verschwand.
War bereit für alles einzustehen, für alles, was man Leben nannte.
Plötzlich erstarb jegliche Regung in mir, Euphorie tanzte mit der Panik.
Soeben ertönte ein lautes, bedrohlich klingendes Geräusch.
Ein Knall.
Richtung Leben, Richtung Tod.

© Nelli H.

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Poesie

| Steg |

Auf dem Steg,
zwischen damals und heute.
Er wippt und scheint zu reden.
Dröhnt.
Bringt meinen Kopf zum Vibrieren.
Steh‘ still.
Bloß nicht rühren.
Wasserspiegel unter mir.
Zeigt Szenen meines Lebens.
Spult vor, spult mal zurück.
Hypnotisierende Zeitlupe.
Wolken schieben
sie fort,
drängen sich auf.
Lassen alles verschwinden.
Kurzzeitiger Frieden.
Dann ein Platschen.
Der Verstand setzt aus,
sieht nur.
Sieht ihm hinterher.
Meinem Herzen.
Treibend,
auf dem Wasser.
Richtung Zukunft.

© Nelli H.

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Poesie

| Momente |

Hinabfallende Momente.
Beruhigend.
Manchmal.
Schnell vorüber.

Beeilen wir uns,
können wir sie erblicken.
Können erkennen,
was wir vorher nicht
wussten.
Nicht wissen wollten.

Momente, die uns prägen.
In unser Fleisch schneiden.
Unsere Sehnen durchtrennen.
Uns verloren zurücklassen.

Momente, die uns auffangen.
Uns festhalten, uns wiegen.
Uns zeigen, was wir können.

Momente, die uns vergessen lassen,
dass wir einsam sind.
Die uns zärtlich umgarnen.
Uns durchs Haar fahren und flüstern,
wie wertvoll wir sind.

Momente.
Einzigartig.
Flüchtig.

Alles.

© Nelli H.

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