Poesie

Farbengewirr.

© Nelli H.

© Nelli H.

Erinnerungen
unaufhörlicher Wasserfall.
Plätschern.
Lassen meinen Herzschlag rasen.
Rasen vor Wut,
vor Freude,
vor Angst,
vor Melancholie.

Meine Füße berühren das seichte, warme und doch kalte Wasser.
Saugen auf, was sie vergessen hatten, die langen Wege, die sie einst gegangen waren.
Die langen Pfade, die sie durchquerten, Dinge sahen,
die von unendlicher Schönheit geprägt waren,
lehrten, wie es sein könnte.

Dinge, die so scheußlich waren, dass man sie nur halb wahrnahm, aus Selbstschutz.
Dinge, die ein lebendes Herz in ihre Hände nahmen und es so sehr zerquetschten, dass sein Rhythmus unruhig wurde.
Erdrückt vom Leben.

Den Blick beim seichten Fall nach oben gerichtet, den Bäumen, dem Leben entgegen.
Sonnengewärmter Wind, der leicht meine Haare hebt, dem Himmel entgegen.

Ein Blick in dein Gesicht lässt mich zurückreisen, verstehen,
wie es einst für dich gewesen ist.

Wie sehr du es verinnerlicht hast.
Es jedoch nie gezeigt hast.
Auch du ließest dein Herz unruhig werden.
Nicht wissend, was du willst, was du sollst, was du darfst,
hast du beizeiten im Stillstand verharrt.

Deinen Blick auf die Welt gerichtet und so getan als seist du woanders, wohl wissend, dass wir nicht verlassen konnten, was uns so wichtig war und uns gleichzeitig zerstörte.

Den Körper eintauchend in den nun kaltgewordenen, rauschenden Zustand des Lebens,
erlöschen die Farben der Welt,
lassen mich eintauchen in das Grau von damals.
Der Versuch, zu verhindern, dass sich das Grau mit den Farben von heute mischt, ein langwieriger Prozess und doch unmöglich.

An manchen Tagen blicke ich in dein Gesicht,
das mir so viel bedeutet,
und merke, dass du deinen Rhythmus wiedergefunden hast.
Diese Tage werden häufiger werden.
Sie müssen.

© Nelli H.

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Fotografie, Poesie

Knospe.

© Nelli H.

© Nelli H.

Schwarze Flüsse.
Durchwaten.
Färben ab.
Die Haut
immer dunkler.
Pechschwarz.

Knospen der Verzweiflung,
tief verwurzelt mit der Vorstellung.
Der Vorstellung von dir.
Davon, dass.

Durchwate ihn eilig.
Renne, doch hält mich etwas.
Schwarze Tinte verteilt.
Hat Worte hinterlassen.
Die sich schlängeln.
Auf jeder Faser meiner Haut.

Funkeln der Nacht prassen herab.
Verbrennen sie.
Hinterlassen tiefe Linien.
Gedanken.
Die gehen nicht.
Umkreisen dich.
Gierig.
Fordern dich.
Überfordern dich.

Knospen der Angst,
tief verwurzelt mit der Vorstellung.
Der Vorstellung von dir.
Davon, dass.

Bleibe stehen.
Habe es aufgegeben.
Lasse mich umschlingen.
Von dem Dunkel.
Lass es mich
niederreißen.
Es brennt wie Lava.
Tiefgehend schmerzlich,
lässt meine Augen sich schließen.
Umso mehr fühlt die Seele,
was sie nicht soll,
was sie nicht darf.

Die Vorstellung.
Von dir.
Dass.
Macht mich hilflos.

Marionettenartiges Aufrichten.
Die Last tröpfelt,
milimeterweise.
Meine sich öffnenden Augen,
vernehmen sie,
Knopsen
der Zuversicht,
die sich langsam öffnen.

Atme gehetzt.
Will aufsaugen,
was noch nicht ist.
Will spüren,
was so fern scheint.

© Nelli H.

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Kurzgeschichten

Große Veränderungen in unserem Leben können eine zweite Chance sein. – Harrison Ford

 

Sanfter, kalter Wind umweht dein schönes, markantes Gesicht, das geziert ist mit einem Lächeln. So schön, dass ich weinen möchte. Schon lange habe ich es nicht mehr an dir gesehen. Diese Bewegung deiner Mundwinkel musstest du aufs Neue lernen. Hattest es vor langer Zeit schier vergessen.
Doch heute ist alles anders. Die Welt ist fröhlicher geworden, weil du es auch bist. Lange Zeit hast du dich in den Regen gestellt und nicht mehr vom Fleck bewegt, standest still und ließest deinen Körper das kühle Nass einsaugen. Doch dein Durst nach Seelenfrieden, nach Stille, nach innerer Gelassenheit konnte nicht gestillt werden. Jedes Mal aufs Neue gingst du nach draußen und standest dort, hast gewartet, auf den einzigen Menschen, der deinen Schmerz etwas weniger werden lassen konnte. Dich dort so zu sehen, ließ mich jedes Mal innerlich zerbrechen. Doch auch ich konnte nicht mehr tun, als zu warten, dass du wieder gehen würdest. Dass du wieder hereinkommen würdest, um dich am Kaminfeuer zu wärmen.
Den dampfenden Kakao, den ich meist vor dich stellte, rührtest du nicht an. Wir beide folgten den Bewegungen des Dampfes, der sich tänzelnd nach oben bewegte, nach rechts und links bis er verschwunden war.
Kein Wort löste die Stille ab, denn es gab nichts mehr zu sagen. Kein Wort hätte etwas ändern können, denn sie waren es, die einst alles zerstörten.
Die unsere heile Welt versinken ließen, in den lodernden Flammen des Hasses, der alles verschlang.
Dich. Mich. Uns alle.
Die Verbrennungen der Seele saßen tief. Doch jeder Schritt, der uns weiter von dort entfernte, ließ die Wunden etwas heller werden.
Fast vergaßen wir, dass es ein Leben vor dem Weggang gegeben hat. Fast. Oder wir dachten zumindest, dass wir es taten, dass wir es könnten. Doch manchmal haben die schützenden Mauern ein paar Risse, lassen etwas Dunkel heraus.
Doch niederreißen kann es uns nur noch manchmal, selten, so selten, dass man es gerade so verkraften kann, gerade so standhalten kann.
Irgendwann ließest du los, hörtest auf zu warten. Hörtest auf zu warten, auf die eine Person, von der du dachtest, sie könne dir helfen, den Schmerz von dir nehmen, ihn erleichtern.
Nachdem du begriffen hattest, dass sie nicht kommen würde, hast du aufgehört. Aufgehört zu warten. Von einem Tag auf den anderen.
Du hast eingesehen, dass du selbst diese Person bist. Die, die alles ändern kann.

– © Nelli H.

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