Kurzgeschichten

| Zwischen Innen und Außen |

Als ich die Augen aufschlug, blickte ich in deine Augen, in deine blauen, wärmespendenden Augen.
Etwas benommen, richtete ich meinen Blick fest auf deinen… doch du warst verschwunden. Deine Anwesenheit konnte ich noch spüren, sie riechen.
Doch du warst nicht mehr da.
Du hattest mich verlassen, genauso, wie du es damals getan hattest. Genauso hattest du es wieder getan.
In dem Moment, als ich genau dies das erste mal realisierte, zersprang mein Herz, die Scherben spießten mich von innen auf, nahmen mir die Luft zum Atmen, zersprengten meine Lunge, brachen meine Knochen. Der Schmerz ließ mich fühlen, dass ich lebte, dass ich frei war, tun und lassen konnte, was ich schon seit langem wollte. Ich sein.
Doch in dem Moment, in dem du gegangen warst, wollte ich das nicht mehr.
Zwischen Innen und Außen befand ich mich fortan.
Immer hin und her gerissen zwischen zwei Welten. Die eine konnte mir das bieten, was die andere nicht vermochte.
Meine Unentschlossenheit ließ mich in der Mitte verweilen, entscheiden konnte ich mich nie, lief immer davon, schob alles und jeden von mir, wollte nichts fühlen, nur den Atem der Welt spüren. Das reichte mir für den Moment.
Stundenlang konnte ich auf einer Bank sitzen, die Wolken betrachten, die den samtblauen Himmel schmückten und ab und an weiterzogen. Wie die Enten ihre Kreise auf dem klaren See drehten, hatte fast etwas Hypnotisches für mich, was Magisches.
Es ließ mich aus dem Labyrinth fliehen, aus dem ich mich selbst hätte befreien können. Doch die Kraft und vor allem der Mut sind mir schon vor langer Zeit davongelaufen.
An dem Tag, an dem du gegangen bist, habe ich mir vorgenommen, dem schwebendem Sein zwischen dem Hier und Damals zu beenden, mir Hilfe zu suchen. Doch in dem selben Moment, in dem ich dies dachte, war der Gedanke auch schon verflogen.
An dem Tag, an dem du gingst, wurde mir schlagartig klar, dass dein Lachen verblasst war. Zwar lachtest du beizeiten, doch kam dies nicht mehr aus der Tiefe deines Herzens, es war oberflächlich, nicht echt. Es berührte nicht mehr.
Du hattest deine überschwängliche Art, deine Herzlichkeit und Wärme in all den Jahren verblassen lassen, wenn nicht sogar schon verloren.
Deine Seele spiegelte sich nicht mehr in deinen Augen. Sie war gegangen, hatte sich eingeschlossen, in ihrer eigenen Kiste, bedeckt mit dunkler Erde, durch die kein Licht mehr zu dringen vermochte.

© Nelli H. H.

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Poesie

L ich t fu nk e n

Tageslicht, tanzend mit der Abenddämmerung.
Seicht verschwindend, immer dunkler.
Der Tag verschwimmt mit nächtlicher Finsternis.
Lässt auch die Seelen der Freude
an manchen Tagen nur die Nacht sehen.
Nur die Nacht.
Ab und an, ein kleiner Lichtfunke.
Gespendet durch vorbeifahrende Autos.
Autos, in denen Menschen Geschichten erzählen. 
Lächelnd, weinend, vergessend, erinnernd,
verträumt, erregt, bezaubert.
So fahren sie.
Fortfahrend.
Bei Zeiten wiederkehrend,
den Rücken kehrend,
den Kopf leicht zur Seite geneigt.
Schwelgen und verwelken sie.
Die Gedanken.
An das, was war,
was sein könnte,
was jetzt ist.
Katastrophen des Alltäglichen.
Entstehend, in uns.
Weil wir grübeln und verübeln.
Das Wesentliche vergessend, verschwimmen wir mit den Lichtfunken.

© Nelli H. H.

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Poesie

| WortMacht |

Ein Messer, so scharf,
so scharf ein Messer.
Kann verursachen,
Wunden so fein,
kaum erkennbar.
Schmerzend.
Für einen kurzen Moment.

Ein Messer, so scharf,
so scharf, ein Messer.
Kann Blut vergießen.
Andauernder Schmerz.
Bis hin zum Tode.
So scharf.

Ein Wort, so hasserfüllt.
So hasserfüllt, ein Wort.
Kann verursachen,
Verzweiflung, so stark,
lässt erschaudern.
Hinterlässt Narben.
Innerlich.
Nicht sichtbar,
doch sind sie da.
Verborgen.
In uns,
in uns allen.

Ein Wort, so stark,
so stark, ein Wort.
Bohrt sich hinein,
in unsere Seele,
so tief, dass es einen quält.
Tag ein, Tag aus.
Unermüdlich.
Ständig.
Immer.
Lässt uns nicht los,
hält uns fest,
gefangen.
Tage,
Wochen,
Jahre lang.

Noch immer hör‘ ich diesen Klang.
Den Klang aus deinem Munde.

Ein Wort, so kränkend,
so kränkend, ein Wort.
Hinterlässt Spuren,
zieht sich entlang,
durch unser Leben.
Doch die Mauer ist da,
der Widerhall des Wortes,
umgibt meine Seele,
lässt sie nicht frei,
lässt sie nicht frei,
lässt sie nicht frei.

Ein Wort, so zerstörend,
so zerstörend, ein Wort.
Lässt Herzen zerbersten.
Lässt Träume verschwinden.
Verschließt unser Glück
unter schwarzem Tuch.
Seelenfluch.

Ein Wort, so treffsicher,
so treffsicher, ein Wort.
Niemals daneben,
berührt uns,
verführt uns.

Ein Wort aus deinem Munde,
aus deinem Munde, ein Wort.
Führt mich,
führt mich fort.
Berührt mich,
verführt mich.
Lässt mich fliegen.

Aus deinem Munde, ein Wort.
Ein Wort aus deinem Munde.
Öffnet eine tiefe klaffende Wunde.
So tief.
So schwarz.
Vergiftet mich.
Bringt mich zu Fall.
Du hast es zerfetzt,
du hast mein Herz zerfetzt.
Mitgenommen hast du meine Zuversicht,
mein Lachen,
mein Glück,
mein Leben.

Unsichtbare Herzfetzen.

© Nelli H. H.

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Poesie

Traveller

Reisend.
Auf der Suche.
Manchmal gefunden,
darauf gestoßen,
wieder verloren.
Gefunden und verloren.
Reisend.
Suchend.
Findend.
Verlierend.
Das Herz.
Mein Herz.
Ein Reisender.
Eindrücke.
Druck, der lastet.
Meine Schultern,
sich neigend.
Befreit.
Weitergehen.
Reisender, oh Reisender,
mein Herz.
Mein Herz,
ein Reisender.
Von Ort zu Ort,
betreten und verlassen.
Und doch jedes Mal ein Stück
meines Herzens zurückgelassen.
Es hat sich festgeklammert,
lässt nicht los.
Lässt nicht los von dir.
Du unendliche Weite des Seins.
Stücke des Mosaiks werden Eins.
Mein Herz,
mein Herz,
ein Reisender.

© Nelli H. H.

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Poesie

Fortlaufend.

Als würde sich das Innerste das erste Mal dem Äußeren entgegenstrecken.
Seine kleinen Finger der Einsamkeit nach den fallenden Blättern, die das Licht brechen, recken. Eine kleine Bewegung der Freiheit ausführen.
Doch unsicher wie es ist, schreckt es bei jedem Windhauch zurück. Zieht sich zusammen. Versteckt sich immer weiter hinter der Fassade.
Der Fassade des Zusammenseins, die die dunklen Schatten mit Licht flutet. Die kleinen Finger neigen sich immer weiter der Handfläche zu. Ballen eine Faust. Verkrampfen.
Der Film des Sommers zieht vorüber. Erinnerungen hallen wie Schritte auf dem Asphalt. Mal laut, mal leiser. Stimmen, die zerren, springen verhöhnend von Klippen direkt in unser Herz. Die Wellen spülen die Liebe davon, nehmen alles mit, was sie bekommen. Die Erinnerungen verblassen, lassen schroffe Gedanken zurück. Doch irgendwann sind auch diese fort.
Aus Sommer ist Winter geworden.

© Nelli H.

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