Poesie

Was uns atmen lässt.

Jahrzehntelang auf Glasscherben balanciert,
um niemanden zu verletzen,
blutige Fußspuren hinterlassen.

Denn so ist, wie es sein muss.
Still. Unauffällig. „Brav“. Angepasst.
Bloß nicht auffallen.

Der Frieden im Außen war Priorität,
während im Innern ein Sturm aufzog,
alles an Licht verschlang.

Heute halte ich den Sturm nicht mehr im Innern.
Lasse ihn sich ausdehnen.
Denn so ist, wie es sein sollte.

Unsere Stimme hat Macht,
hat Wirkung,
ist Ausdruck.

Ein Wort kann einschlagen wie ein Blitz,
kann ein Feuer entfachen
in und um uns.

Denn so ist, wie es sein sollte:
aussprechen, was in uns lodert.
Emotionen fühlen
und nicht ersticken.

Denn das ist,
was uns atmen lässt.

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Poesie

Menschen, die bleiben.

Kaum jemand nimmt sie sich noch
und doch
scheint sie davonzurennen.

Knistert es nicht sofort,
wird weitergeswiped.

Die nächste Person wartet schon.
Bereit für ein kurzes Einlassen
– an der Oberfläche.

Denn sie rennt,
ist immer zu knapp.
Die Zeit.

Aber Tiefe,
Vertrauen,
Echtheit,
sie entstehen nicht in Sekunden.
Sie leben
von Minuten.
Von Stunden.

Von Blicken,
die nicht weggleiten,
von Händen,
die nicht loslassen,
von Worten,
die nicht nur gesagt,
sondern auch so gemeint sind.

Eine Sammlung an Chats
und Matches
gibt dir nichts,
wenn sie nur Gesichter bleiben,
die nicht greifbar sind.

Echte Verbindung
Tiefe,
Menschen, die bleiben,
das ist es,
was am Ende zählt.

Also lasst uns tief tauchen,
in Geschichten,
Gedanken,
Emotionen.

Lasst uns eintauchen
in andere Leben
und ihnen mehr schenken
als nur die Hülle
unserer Selbst.
Mehr schenken
an Zeit.

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Poesie

Glück.

Das Innere sträubt sich nach Außen. Ergibt ein Meer an Emotionen.
Ein Meer der Trauer, des Glücks, der Freude, des Schmerzes. Es tropft aus jeder Pore, lässt Synapsen pulsieren.
Verlustängste, die mich quälen, das Gefühl, immer wieder aufs Neue verlassen worden zu sein, das Gefühl, dass dies immer wieder passieren wird. Dass jeder, der einem wichtig ist, irgendwann geht, dass man zurückgelassen wird, weil man nicht zählt, im Leben der anderen.
Das, was da lauthals schreit, sich Gehör verschafft, ist mein verletztes inneres Kind, das zu erkennen, hat seine Zeit gedauert, das zu akzeptieren, noch länger. Und doch hilft diese Erkenntnis gerade nicht dabei, diese Verletzung zu heilen.
Den goldenen Samen in meinem Herzen habe ich gepflanzt und pflege ihn, die Geduld, bis die Pflanze des Vertrauens aufblüht, ist es, die gerade nicht existiert.
So sitze ich hier, füttere meine Seele mit Musik, streichle sie und versichere ihr, dass wieder hellere Zeiten anbrechen werden.
In mich hineinlächelnd, weiß ich, dass das stimmt.
Der Moment fließt durch meinen Körper hindurch, lasse ihn zu, voll und ganz, denn es ist wichtig, zu leben, zu spüren und zuzulassen, was man fühlt.

„And if you’re still bleeding, you’re the lucky ones
‚Cause most of our feelings, they are dead and they are gone.
[…]
And if you’re still breathing, you’re the lucky ones.“
(Daughter – Youth)

So schallt es aus dem Lautsprecher und dieses Wunder, überhaupt auf dieser Welt sein zu dürfen, durchströmt mich, lässt mein Blut tanzen und mich atmen.
Dieses Geschenk, sich jeden Tag aufs Neue besser kennenlernen zu können und diese Schönheit der Welt nicht nur zu sehen, sondern sich mit dieser Energie verbinden zu können und mit den Menschen, die einem so ähnlich sind, dass es schmerzt und gleichzeitig meine Seele erfreut.
Das ist das pure Glück.

© Nelli H. 

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